Radiant (Manga)

Radiant (Manga)

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© 2013 Tony Valente / ANKAMA EDITIONS / PYRAMOND.

Daten:

  • Autor: Tony Valente
  • Verlag: PYRAMOND
  • Status: Bisher 3 Bände in Deutschland erschienen (Band 4 erscheint im Dezember)
  • In Deutschland erschienen: Oktober 2016
  • Seiten: 184 Seiten
  • Preis: 10,00 €
  • ISBN: 9783945943106

Der relativ frische Manga-Verlag „PYRAMOND“ unterscheidet sich stark von seinen anderen deutschen Konkurrenten. Er veröffentlicht Manga von europäischen statt japanischen Zeichnern. Das wohl bekannteste Werk des Verlages ist „Radiant“, das seit 2013 von dem französischen Mangaka Tony Valente gezeichnet wird und japanische und westliche Comic-Elemente vermischt. Dieser Manga war sein letzter Versuch, in der Comicszene Fuß zu fassen, seine vorherigen Projekte waren leider weniger erfolgreich. Besonders bemerkenswert ist, dass er den Manga ohne die Hilfe von Assistenten zeichnet. Bisher sind in Deutschland 3 Bände erschienen. PYRAMOND hat uns netterweise den ersten Band zur Verfügung gestellt. Wir haben für Euch getestet, ob der Manga mit seinen japanischen Konkurrenten mithalten kann.

Von Zauberern und Monstern

Betrachtet man die Story von Radiant, könnte man denken, dass er im Shounen-Jump läuft: Die Welt wird von bösen Monstern – den sogenannten Nemesis – heimgesucht. Niemand weiß, was diese Kreaturen sind und woher sie kommen. Sie fallen immer wieder vom Himmel auf die Erde und richten Chaos an. Die letzte Hoffnung der Menschheit sind deshalb die Zauberer, die mit ihrer Kraft gegen die Nemesis kämpfen können.

Hauptcharakter der Geschichte ist der junge Zauberlehrling Seth. Gemeinsam mit seiner Lehrerin Alma streift er durch die Gegend, um Nemesis zu jagen. Leider begeht er dabei immer wieder große Fehler. Zu Beginn des ersten Kapitels greift er beispielsweise normale Kühe an, weil er denkt, dass es in Wirklichkeit Nemesis sind. Diese und ähnliche Situationen bringen Seth immer wieder in Schwierigkeiten, besonders weil Zauberer generell auf der Welt schon sehr unbeliebt sind.

Trotz allem ist Seth ein besonderer Zauberer. Müssen Andere bestimmte Gegenstände (zum Beispiel Tränke oder Handschuhe) benutzen, um ihre Magie anzuwenden, kann Seth dies mit seinen bloßen Händen tun. Doch dieses Talent ist auch ein Fluch, da dadurch sehr viele Personen auf ihn aufmerksam werden und ihn sogar als Gefahr ansehen. Seth unterscheidet sich aber noch in einem anderen Punkt: Er möchte nicht nur einzelne Nemesis jagen, sondern das Nest der Nemesis (auch genannt: Radiant) finden und auslöschen. Da Niemand weiß, ob dieses überhaupt existiert, begibt er sich auf eine große, ungewisse Reise.

Eine starke Vorstellung des Hauptcharakters

Abgesehen von japanischen, habe ich bisher nur deutsche Manga gelesen und war von diesen nur selten begeistert. Aus diesem Grund war ich vor dem Lesen des ersten Bandes natürlich sehr vorsichtig und skeptisch. Schon relativ schnell wurde mir aber klar, dass hier der Unterschied Japan ↔ Europa vollkommen unwichtig ist. Radiant ist einfach ein guter Manga!

Schon auf den ersten Seiten des ersten Kapitels lernt man den Hauptcharakter – Seth – kennen. Er sitzt auf einem Dach und sieht vor sich eine Horde Nemesis. Zunächst ist er aus Angst vor seiner Lehrerin etwas vorsichtig. Als er aber sieht, dass Dorfbewohner verletzt wurden, eilt er direkt zur Hilfe. Das etabliert Seth als sehr heroischen Charakter, der alles dafür tun würde, um andere Menschen zu retten. Auf der nächsten Seite erfährt man aber auch schnell die andere Seite von Seth: Er hat noch nie einen Nemesis besiegt und hat sich durch seinen Angriff selbst verletzt, ist also ein blutiger Anfänger. In dieser Hinsicht erinnerte er mich ein bisschen an „Asta“ aus „Black Clover“.

Seth zeigt alleine in den ersten drei Seiten fünf unterschiedliche Emotionen, die der Leser durch die Zeichnungen sehr gut voneinander unterscheiden kann. In den nächsten Szenen lernen wir ihn noch besser kennen: Er besitzt besondere Kräfte und ist somit ein Außenseiter in seiner Welt, hasst seine Umwelt aber nicht sondern versucht immer den anderen Menschen zu helfen. Zusätzlich ist er in vielen Situationen ziemlich naiv und blöd. Dies alles trägt dazu bei, dass er schon im ersten Band als Figur sympathisch wirkt. Der Leser baut eine Beziehung zu ihm auf, ohne dass Flashbacks oder andere Manga-typische Hilfsmittel genutzt werden. Das ist eine gelungene Abwechslung zu anderen Shounen-Manga wie „Naruto“ oder „One Piece“, die ihre Charaktere gesondert vorstellen. Man lernt Seth durch seine Handlungen so gut kennen, dass eine extra Vorstellung – jedenfalls bisher – nicht nötig ist.

Der zweite Hauptcharakter: Die Welt von Radiant

Im Gegensatz zu Seth bekommen die anderen Charaktere in dem ersten Band leider weniger Zeit gewidmet. Man erfährt einige interessante Details über seine Lehrerin, abgesehen davon tauchen viele andere Personen (zum Beispiel Mélie oder die Inquisitoren) nur kurz auf, ohne dass man viel von ihnen erfährt. Insbesondere die Inquisition wirkt bisher noch ziemlich generisch und ähnelt den vielen bösen Organisationen aus anderen Manga. Ich erwarte aber, dass die weiteren Bände zu diesen anderen Charakteren mehr Informationen liefern, wenn man die Qualität der Vorstellung von Seth betrachtet. Spätestens wenn der zu erwartende Konflikt Teil der Geschichte wird, wird man sicherlich mehr über diese Personen erfahren. Ausschließen von dieser Kritik kann man die Vorstellung der gelben Katze Majesty. Hier zeigt Tony Valente – ähnlich wie bei Seth –, dass er durch nur wenige Zeichnungen und Gesprächsfetzen einer Figur einen Charakter geben kann. Auf diesen ersten „Bösewicht“ freue ich mich im zweiten Band!

Neben Seth gibt es aber noch einen zweiten Hauptcharakter: „Die Welt“. Oberflächlich betrachtet könnte man denken, dass die Welt von Radiant sich nicht stark von anderen Manga unterscheidet, dies ist aber glücklicherweise nicht der Fall. Durch viele kleine Details kann der Leser sich die geschaffene Umgebung sehr gut vorstellen, wodurch die Immersion noch stärker wird. Die Menschen in Radiant leben genauso, wie man es sich von realen Personen vorstellt. Das Leben auf dem Dorf ist eher ruhig, die Menschen sind skeptisch gegenüber Magiern und scheinen sich alle untereinander zu kennen, das Stadtleben (ab Kapitel 4) unterscheidet sich hingegen von diesem. Hier leben sehr viele Menschen, die Straßen sind laut und man fühlt sich weitaus anonymer als in der dörflichen Gegend. Dadurch, dass die Vorstellung im ersten Band im Vordergrund steht, konnte sich bisher noch keine wirkliche Spannung aufbauen. Dies erwarte ich aber nicht unbedingt von einem ersten Band.

Sehr detaillierte Zeichnungen

Einen großen Einfluss auf meine positive Rezeption haben sicherlich die sehr detaillierten Zeichnungen. Besonders auffällig sind hierbei immer wieder die ersten Seiten der einzelnen Kapitel. Ein Beispiel ist die Titelseite des vierten Kapitels. Dort zeigt uns Tony Valente ein Schaubild einer hektischen und großen Stadt. Man sieht verschiedene Einkaufsläden – sogar mit „SALE“-Schildern – sowie viele verschiedene Personen, die das Leben in der Stadt genießen. Doch auch Kleinigkeiten wie ein „Postvogel“ formen das Bild dieser Stadt. Doch nicht nur diese besonderen Bilder sind detailliert gezeichnet. Ein weiteres Beispiel ist der „Nautical Shop“ des ersten Kapitels (Seite 14). Dem Leser wird hier nicht einfach nur ein stinknormaler Laden präsentiert. Vielmehr wird er mit verschiedenen Accessoires verziert, um ihn noch lebendiger zu gestalten.

Die weitere Stärke der Zeichnungen liegt in der Mimik und Gestik der Hauptcharaktere. Tony Valente arbeitet mit sehr vielen unterschiedlichen Emotionen, die der Leser durch die Zeichnungen mitfühlen kann. Hiermit kann er beweisen, dass die Bildsprache häufig ausreicht, um den Gefühlszustand eines Charakters darzustellen. Ein großes Panel auf Seite 30 zeigt beispielsweise eine Nahansicht von Seth, die mehr Gefühle ausdrückt als ellenlange Dialoge anderer Manga.

Mein einziger Kritikpunkt bei den Zeichnungen ist das Charakterdesign. Die Charaktere sind zwar ausführlich ausgearbeitet, aber unterscheiden sich nicht stark genug von schon bekannten Charakteren aus anderen Shounen-Serien. Insbesondere Seth hat mich an mehrere andere Protagonisten erinnert.

Ein großer Fokus auf Humor

Beim Lesen von Radiant musste ich mehrmals laut loslachen; das ist mir in letzter Zeit nur sehr selten passiert. Es gibt nur sehr wenige Manga, die wirklich meinen Humor treffen, Radiant tut dies glücklicherweise. Der Humor des Manga ist nicht tiefgründig oder gesellschaftskritisch, sondern vielmehr „over-the-top“-albern. Er erinnert mich dabei eher an westlichen Humor. Die Charaktere verschönern ihre Aussagen nicht, sondern sagen direkt, was sie denken. Sätze wie „Was machst du mit deiner Nudel an der frischen Luft“ würden sicherlich in anderen Shounen-Manga nicht auftauchen, da der japanische Humor zwar auch auf Slapstick setzt, aber häufig auf diese Art der „Fäkalsprache“ verzichtet.

Seth agiert in vielen Situationen nicht besonders intelligent, weshalb zwangsläufig witzige Szenen entstehen. In dieser Hinsicht kann man Radiant sicherlich mit „Fairy Tail“ vergleichen. Auch dieser Manga handelt von Magie und hat einen großen Fokus auf Humor. Hier sollte man auch die deutsche Lokalisation loben. Die Übersetzung von Comedy-Elementen ist sicherlich die schwerste Aufgabe für Übersetzer, da häufig mit Wortspielen aus einer bestimmten Sprache gearbeitet wird. Der Manga wirkte beim Lesen, als ob er direkt in der deutschen Version geschrieben wurde.

Auch die Verpackung stimmt

Radiant war mein erster Manga von PYRAMOND und ich bin begeistert. Zuerst war ich aufgrund des relativ hohen Preises (10 Euro) etwas skeptisch, verstehe ihn nach dem Lesen aber. Die Qualität der einzelnen Seiten ist wirklich hervorragend. Die Papierqualität ist höher als bei fast allen anderen Manga, die ich bisher gelesen habe, wodurch die Seiten nicht so schnell Risse bekommen und das Blättern einfacher ist.

Daneben wurden noch viele Zusatzinhalte übersetzt. Einige Erklärungen zu der Welt von Radiant sowie ein Interview mit Tony Valente bieten interessante Zusatzinformationen für alle Leser. Auf den letzten Seiten des Bandes gibt es zusätzlich einige Zeichnungen (jeweils Radiant Charaktere) von anderen Autoren des Verlages sowie Yusuke Murata – dem Zeichner von „One Punch Man“ und „Eyeshield 21“. Alle diese Extras zeigen, dass der relativ junge Verlag sich sehr viel Mühe bei der Veröffentlichung seiner Manga gibt.

Eine positive Überraschung

Auch wenn der erste Band größtenteils nur die Welt und den Hauptcharakter vorgestellt hat, hat mir Radiant bisher schon ziemlich gut gefallen. Sehr schöne Zeichnungen, ein wirklich guter Humor sowie ein sympathischer Hauptcharakter bilden eine gute Basis für einen spaßigen Fighting-Shounen-Manga. Die nächsten Bände müssen nun beweise, dass Radiant nicht nur eine gute Grundlage hat, sondern auch eine interessante Geschichte erzählen kann.

Fans von typischen Shounen-Jump Manga wie „Fairy Tail“ oder „Black Clover“ sollten Radiant unbedingt eine Chance geben. Nicht ohne Grund ist der Manga sogar in Japan erfolgreich!

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About Shin

Shin hat im Jahr 2016 sein Masterstudium in Soziologie abgeschlossen und arbeitet derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität. Anime mag Shin schon seit sehr vielen Jahren. Spätestens seit dem Besuch seiner ersten Convention - der Connichi 2003 - ist er fasziniert von der Welt der Anime. Seit August 2016 ist Shin festes Mitglied von Jimoku und kümmert sich zum größten Teil um das Schreiben von Reviews. Sein Lieblingsanime ist "Space Brothers".
Shin

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