Death Note 2017

Death Note 2017

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Death Note 2017
© 2017 Netflix, Warner Bros.

Daten:

  • Regisseur: Adam Wingard
  • Sprache: Englisch (DTS-HD 5.1), Deutsch (DTS-HD 5.1)
  • Untertitel: Deutsch, Englisch
  • FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
  • Erschienen bei: Netflix
  • Erscheinungstermin: 25. August 2017
  • Produktionsjahr: 2017
  • Spieldauer: 100 Minuten

Death Note 2017

Vor einiger Zeit wollte mein Vater einen Anime schauen. Als er mich nach einer Empfehlung fragte, gab es für mich nur eine Antwort: „Death Note“. Der Anime, dessen Manga-Vorlage von 2003 bis 2006 von Tsugumi Ohba und Takeshi Obata gezeichnet wurde, schien mir ein guter Einstieg für Neueinsteiger zu sein, weil er durch seine düstere Atmosphäre eher realen Serien als anderen Anime ähnelt. Hierdurch wurde die Geschichte sehr bekannt und zählt auch in der heutigen Zeit noch zu den beliebtesten Anime überhaupt. Am 25. August 2017 veröffentlichte die Streaming-Plattform Netflix eine Realfilm-Adaption von „Death Note“. Nach einigen japanischen Realverfilmungen, die bereits erfolgt waren, ist dies die erste westliche Version der Geschichte.

In der folgenden Review möchte ich euch aufzeigen, warum der neue Death Note Film vielleicht doch nicht so schlecht ist, wie in den Kritiken behauptet wird.

Death Note in Amerika

Der Handlungsrahmen des neuen Death Note Films unterscheidet sich – bis auf die angepassten, amerikanischen Namen – kaum von dem des Manga: Der kluge aber isolierte Schüler Light Turner findet eines Tages ein mysteriöses Notizbuch: Das Death Note. Jede Person, dessen Namen man in dieses Buch schreibt, stirbt. Anfangs glaubt Light natürlich nicht, was er da liest. Als er aber im Klassenzimmer von einer dunklen, gruseligen Gestalt – dem Todesgott Ryuk – heimgesucht wird, fängt er langsam an, die Kraft des Buches zu erahnen. Ein Experiment an einem Mitschüler zeigt Light, dass das Buch tatsächlich echt ist. Ddurch bekommt er endlich die langersehnte Chance, seine tote Mutter zu rächen.

Schon zu Beginn der Geschichte entdeckt die Cheerleaderin Mia Sutton das Death Note und wird von Light in seine Funktion eingeweiht. Überraschenderweise empfindet sie keine Angst- vielmehr möchte sie Light dabei helfen, eine bessere Welt zu erschaffen. Berauscht von der neuen Macht spielen die Beiden Richter und bestrafen Verbrecher unter dem Namen „Kira“. Nach einiger Zeit ist Kira auf der ganzen Welt bekannt und hat viele Fans gewonnen. Doch es gibt auch Gegenstimmen;

Lights Vater James Turner ist Polizist und – im Gegensatz zu seinen Kollegen – davon überzeugt, dass Selbstjustiz moralisch verwerflich ist. Auch der Meisterdetektiv „L“, der bisher jeden Fall lösen konnte, denkt, dass Kira nur ein gewöhnlicher Verbrecher ist. Nun gibt es nur eine Frage: Gewinnt Kira oder gewinnt L und was passiert nachdem einer der Beiden gewonnen hat?

Ein komprimiertes Death Note

Wie bereits zu Beginn angedeutet, waren die Kritiken des Films vernichtend. Eine Durchschnittsbewertung von 4,7 bei IMDB und Kritiken mit Aussagen wie: „Total waste of source material“ (IMDB Review) häuften sich besonders in den ersten Tagen des Releases. Die Gründe hierfür sind verständlich. Ähnlich wie die „Ghost in the Shell“-Verfilmung, die dieses Jahr im Kino lief, schafft es „Death Note“ nicht, die Atmosphäre des Originals wiederzugeben. In der Filmadaption stehen keine moralischen Dilemma oder philosophische Fragen im Vordergrund, vielmehr möchte Death Note eine spannende Geschichte mit rasanten Bildern und Gore-Elementen erzählen. Fans des Originals fühlen sich davon abgeschreckt.

Der Grund hierfür ist meiner Ansicht nach relativ einfach: Zeitmangel. Der Death Note Anime erzählt seine Geschichte in 37 Episoden, die je 22 Minuten lang sind. Das erste Treffen von Light und L findet in Episode 9 statt. Die Serie hat also knapp drei Stunden Zeit die Charaktere, ihre Motive sowie die Welt von Death Note zu beschreiben. Im Film treffen sich die beiden Widersacher schon nach etwas mehr als einer Stunde. Dadurch bleibt viel weniger Einführungs- und somit auch Entwicklungszeit, weshalb die Geschichte an einigen Stellen – insbesondere gegen Ende – viel zu schnell erzählt wird. Doch dies ist nicht der einzige Kritikpunkt.

Light und L

Um einen User des Death Note- Subreddit- Forums zu zitieren: „this is horrible, everything is so different“. Adam Wingard und die Autoren haben versucht, eine eigene, amerikanische Version von Death Note zu erschaffen. Aus diesem Grund mussten sich die Charaktere verändern. Light ist zwar immer noch intelligent, aber weitaus emotionaler und ängstlicher. Im Anime wirkt Light sehr gefasst, als er Ryuk das erste Mal trifft, in der neuen Realverfilmung hingegen reagiert er eher wie ein High-School-Schüler aus einem Horrorfilm: Er hat Angst, schreit laut herum und versucht sich zu verstecken. Auch sehr überraschend war, dass Light Turner sehr früh und überdurchschnittlich vertrauensselig seiner Mitschülerin Mia Sutton von der Existenz des Death Note erzählt. Der aus dem Manga und Anime bekannte Kira war ein berechnender, strategisch-denkender Mensch, der niemals mit jemandem zusammengearbeitet hätte, den er so wenig kennt. In zwei Szenen wird Light sogar von Mia ausgetrickst. All das zeigt, dass Light Turner weitaus weniger intelligent ist als Light Yagami.

Der neue Kira handelt jedoch größtenteils glaubwürdig und realistisch; seinem Charakter entsprechend. Er ist weitaus emotionaler und nicht so sehr von der Gerechtigkeit besessen wie der Protagonist des Manga, begeht aber auch weitaus mehr Fehler. Meiner Ansicht nach ist er dadurch uninteressanter, da ähnlich geschriebene Figuren auch in vielen anderen Filmen vorkommen.

Ähnlich verhält es sich mit L. Dieser ist im Manga der verrückte, kindliche Meisterdetektiv, der immer logisch handelt. Zu Beginn wirkt der neue L zwar ähnlich, im Laufe des Films merkt man aber, dass auch er sich drastisch verändert hat: Er ist emotional. Gegen Ende des Films sehe ich keine Ähnlichkeiten mehr zwischen dem Manga-L und dem Film-L. Kira soll nicht durch kluge Strategien, sondern durch rohe Gewalt gefangen werden. Der Meisterdetektiv wirkt also auch nicht so intelligent wie im Manga. Der Film bietet aber immerhin eine gelungene Erklärung warum diese Änderung stattfindet. Die beiden sehr unterschiedlichen Seiten von L werden von dem Schauspieler Keith Stanfield zwar gut dargestellt, Fans des Originals werden aber trotzdem etwas verwirrt sein.

Daraus folgend ist es nicht möglich, die Konflikte zwischen L und Light aus dem Manga wiederzugeben, weshalb ich es grundsätzlich richtig finde, dass die Handlung so stark abgeändert wurde. Denkt man an das erste Gespräch von Light und L im Manga, erinnert man sich an innere Monologe, Strategien und psychische Kämpfe. Der Film geht in eine andere Richtung, Da beide Charaktere zu gewissen Teilen wie normale Teenager wirken, verläuft das Gespräch weitaus emotionaler. Auch hierdurch wird der große Kampf von der psychischen auf die physische Ebene gebracht. Das eignet sich für das Medium „Film“ natürlich sehr gut, da es dadurch einfach ist, eine Spannungskurve zu schaffen, steht aber im Gegensatz zur Originalserie.

Positive Änderungen

Wie ich schon ankündigte, gab es auch positive Änderungen. Willem Dafoe ist der beste Ryuk den ich mir vorstellen kann. Seine Mimik sowie seine Stimme passen perfekt zu dem Charakter. Ryuk selbst wirkt im Film viel angsteinflößender als im Original. Dadurch kann man als Zuschauer nicht so eine starke Beziehung zu dem Todesgott aufbauen, hat aber immer Angst vor ihm, da man glaubt, dass er unberechenbar ist. Hierdurch entsteht eine andere Dynamik zwischen Light und Ryuk, die mir gefallen hat, weil Light dadurch die ganze Zeit Angst haben musste.

Mia hat fast gar keine Ähnlichkeit zu Amane Misa. Würde ich Misa als eine eher weniger intelligente Person beschreiben, die das Death Note benutzt, weil sie alles tun würde, was Light möchte und deshalb kaum einen eigenen Charakter hat, ist Mia fast das komplette Gegenteil. Sie will das Death Note benutzen, weil sie Spaß daran hat, Menschen umzubringen. Sie ist extrem egoistisch und würde jeden umbringen, der ihr im Weg ist und geht mit Light eine Liebesbeziehung ein, nur um näher am Death Note zu sein. In einigen Momenten wirkt sie sogar intelligenter als Light. Durch die Eigenständigkeit gefällt mir Mia im Film besser als ihr Manga-Vorbild. Sie ist eine Gefahr für L, aber auch für Light. Hierdurch wirkt die Beziehung zwischen ihnen aber auch sehr gestellt. Abgesehen vom Death Note haben sie gar keine Gemeinsamkeiten und passen nicht besonders gut zusammen. Da die Romanze einen sehr großen Teil des Films einnimmt, stört diese fehlende Chemie stark.

Die besten Szenen des Films waren meiner Meinung nach die Gespräche zwischen Light und seinem Vater (James Turner). Lights Mutter wurde von einem Kriminellen getötet, der später von seinem Vater nicht verhaftet und dementsprechend bestraft werden konnte. Dafür macht Light seinem Vater große Vorwürfe, was man in allen Gesprächen merkt. Es entsteht somit in allen Dialogen eine große Spannung, die auch durch die tolle Kameraführung in den Szenen wiedergegeben wird. Hier ist Lights neuer Charakter auch wieder von Vorteil, da der distanzierte Light aus den Manga solche emotionalen Gespräche mit seinem Vater gar nicht führen konnte.

Einige Plot Holes aber schöne Bilder

Doch die veränderten Charaktere sind nicht der einzige Negativpunkt für viele Fans. Leider geschehen im Film Dinge, die eigentlich unmöglich oder unrealistisch wären. Direkt zu Beginn wird Lights Rucksack durchsucht, der Schuldirektor findet ein Buch mit dem Namen „Death Note“ aber nicht interessant genug, um es weiter zu hinterfragen. Auch werden einige Regeln eingefügt, die nicht immer wirklich eingehalten werden. Gegen Ende des Films kann Light beispielsweise eine Person töten, dessen richtigen Namen er nicht kennt; es reicht auf einmal der Vorname. Das ist nicht nur für Kenner des Originals verwirrend. Außerdem scheint Light mit dem Death Note Leute so sehr kontrollieren zu können, dass sie andere Personen für ihn umbringen. Warum tut er dies nicht einfach mit L? Doch auch L macht ähnliche Fehler: Warum lässt er Mia laufen, ohne sie zu kontrollieren? Ähnliche Fragen habe ich mir beim Schauen des Films leider häufiger gestellt.

Trotz dieser negativen Punkte würde ich den Film nicht so sehr zerreißen, wie es von anderen Personen getan wurde. Das liegt – neben den oben genannten positiven Änderungen sowie der Beziehung von Light und seinem Vater – insbesondere an der gelungenen Filmtechnik. Die Verfolgungsjagd von Light und L ist rasant gefilmt und wirken dadurch sehr dynamisch; die Gespräche zwischen Charakteren wirken durch ein sehr enges Kamerabild hingegen sehr beklemmend. Das trägt zu der wirklich guten Atmosphäre des Films bei. Leider wird diese in einigen Momenten von der Musikuntermalung zerstört. Songs wie „Power of Love“ passen einfach nicht zu Death Note.

Keine wirkliche Empfehlung

Eine richtige Empfehlung kann ich nicht aussprechen. Death Note ist – ähnlich wie „Ghost in the Shell“ – eine wirklich schlechte Adaption, da es die wichtigsten Aspekte des Originals nicht berücksichtigt. Auch als eigenständiger Film hat Death Note sehr viele Probleme: Die Charaktere wirken häufig zu dumm, es gibt einige Plot Holes und besonders das Ende wird viel zu schnell abgespult. Das macht mich wirklich sehr traurig, da mir die Ideen einiger Änderungen sowie die Schauspieler und die technische Umsetzung größtenteils gut gefallen haben. Eineinhalb Stunden sind aber schlicht zu wenig Zeit, um die komplexe Geschichte vernünftig umzusetzen. Als Serie (oder Mini-Serie) hätte die Umsetzung sicherlich besser funktioniert.

Fans von Horror-Actionfilmen mit wenigen Gore-Elementen können sich Death Note sicherlich anschauen und werden mit dem Film eventuell auch ihren Spaß haben, allen anderen würde ich aber eher den Original-Anime oder den Manga empfehlen.

4,5/10 Punkte

About Shin

Shin hat im Jahr 2016 sein Masterstudium in Soziologie abgeschlossen und arbeitet derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität. Anime mag Shin schon seit sehr vielen Jahren. Spätestens seit dem Besuch seiner ersten Convention - der Connichi 2003 - ist er fasziniert von der Welt der Anime. Seit August 2016 ist Shin festes Mitglied von Jimoku und kümmert sich zum größten Teil um das Schreiben von Reviews. Sein Lieblingsanime ist "Space Brothers".
Autor: Shin
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