A Silent Voice (Kinofilm)

A Silent Voice (Kinofilm)

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© 2016 Yoshitoki Oima, KODANSHA/A SILENT VOICE The Movie Production Committee

Daten:

  • Regisseur: Naoko Yamada
  • Sprache: Japanisch (DTS-HD 5.1), Deutsch (DTS-HD 5.1)
  • Untertitel: Deutsch
  • Region: Region B/2
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
  • Anzahl Disks: 1
  • FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
  • Studio: KAZÉ Anime (AV-Visionen)
  • Erscheinungstermin: 26. September 2017 (Kino), 16. März 2018 (DVD und Blu-ray)
  • Produktionsjahr: 2016
  • Spieldauer: 130 Minuten
  • Preis: 22,99 € (Blu-ray), 19,99 € (DVD)

Im Ramen der KAZÉ Anime Nights lief am 26.09.2017 der Film „A Silent Voice“ komplett synchronisiert in den deutschen Kinos. Nachdem die Mangavorlage zwischen Juli 2016 und Juni 2017 bei Egmont Manga erschienen ist und der Film in Japan sehr erfolgreich war (er ist der 19. erfolgreichste Film aller Zeiten in Japan), freuten sich sehr viele Animefans auf diesen Tag.

Aber ist der Film wirklich einer einer der zehn besten Anime aller Zeiten?

Die Geschichte

Stellt euch vor ihr seid taub, müsst aber trotzdem die gleichen Probleme bewältigen, die alle anderen Menschen auch haben. Genau in dieser Situation befindet sich die Grundschülerin Shoko Nishimiya. Als sie die Schule wechselt, scheint es nur noch schlimmer zu werden. Ihr neuer Mitschüler Shoya Ishida zeigt kein Verständnis für sie und fühlt sich von ihren Problemen sogar genervt. Deshalb beginnt er, gemeinsam mit seinen Freunden Naoka Ueno, Miki Kawai und Kazuki Shimada, Shoko zu mobben. Werden dem Mädchen zu Beginn Stifte geklaut und das Bein gestellt, häufen sich im Verlauf auch die körperlichen Angriffe, bei denen sogar ihr Hörgerät beschädigt wird. Nach einiger Zeit erfahren schließlich Klassenlehrer und Schulrektor von diesem Zustand und versuchen Shoya vor seiner Klasse zur Rede zu stellen. Als dieser daraufhin seine Mitschüler beschuldigt, auch mitgemacht zu haben, verschwören sich diese gegen ihn und versuchen die ganze Schuld auf ihn zu schieben. Als Shoko aufgrund der Situation die Schule verlässt, wird Shoya das neue Opfer seiner Klasse.

Aufgrund seines schlechten Rufes ist es für Shoya auch auf der Oberschule nicht wirklich möglich Freunde zu finden. Zusätzlich bauen sich die negativen Gefühle in ihm selbst immer weiter auf, sodass er auch gar keinen Kontakt mit der Außenwelt möchte. Er weiß nur eins: Er möchte sterben. Bevor er die Welt verlassen kann, möchte er aber Shoko noch einmal wiedersehen, um ihr ihr altes Notizbuch wiederzugeben. Dieses Treffen verändert Shoya: er sieht, dass sie nicht sauer auf ihn ist. Vielmehr freut sie sich, dass er Zeichensprache gelernt hat und möchte sich mit ihm wiedertreffen. Shokos Schwester – Yuzuru – weiß allerdings, dass Shoya der Raudi aus der Grundschulzeit war und versucht diese Freundschaft zu verhindern.

Im weiteren Verlauf der Handlung geht es nun um Vergebung. Insbesondere die Frage, ob Shoya sich selbst das verzeihen kann, was er getan hat, ist ein Grundpfeiler der Geschichte. Hierbei spielen die alten Freunde aus der Grundschule sowie neue Freunde (allen voran Tomohiro Nagatsuka) eine große Rolle. Wenn ihr wissen wollt, wie es weitergeht, solltet ihr euch unbedingt die Blu-ray oder die DVD besorgen, die im März 2018 in Deutschland erscheinen werden.

Einsamkeit

„A Silent Voice“ schafft es – wie kaum ein anderer Anime-Film – Einsamkeit darzustellen. Zu Beginn zeigt er sehr gut, wie schnell mal als Schüler isoliert werden kann. Shoko ist taub und unterscheidet sich dadurch stark von ihren Klassenkameraden in der Grundschule. Da diese größtenteils sehr egoistisch denken – beispielsweise Naoko, die sich nicht dafür interessiert, ob Shoko im Unterricht mitkommt oder nicht – sehen sie keinen Grund, sich um die benachteiligte Schülerin zu kümmern. Es erfordert für Shokos Mitmenschen schlichtweg zu viel Arbeit, die Gedanken oder das, was man sagen möchte jedes Mal für das taubstumme Mädchen aufzuschreiben. Shoko selbst ist sich der Situation bewusst und weiß nicht richtig, wie sie damit umgehen soll. Anstatt bei Anbringung der Kritik wütend zu werden, versucht sie deeskalierend zu wirken, verschlimmert dadurch die Situation aber noch mehr, da sie entgegen den Erwartungen der Mitschüler handelt. Hierdurch wird sie noch stärker isoliert. Der junge Shoya ist hingegen das Gegenteil von ihr: Er ist beliebt bei seinen Mitschülern und bringt sie immer wieder zum Lachen – eine Art „Klassenclown“. Doch das ändert sich sehr schnell.

Nach der Konfrontation mit dem Geschehenen durch die Schulleitung befindet sich Shoya auf einmal in genau dieser „Einsamkeit“. Er hat versucht, seine ganze Klasse als Täter darzustellen. Da dies keiner der Beteiligten möchte (auch für den Lehrer ist es einfacher, die Schuld einer Einzelperson zu geben), wird Shoya ausgeschlossen, um den Rest der Klasse zu schützen. Im Gegensatz zu Shoko, die diese Einsamkeit nicht akzeptieren wollte, sondern sogar mit Shoya befreundet sein wollte, obwohl er sie gemobbt hat, akzeptiert er diese Situation. Man merkt ihm die Reue an, die er verspürt, weshalb man – nachdem man gegenüber ihm zu Beginn eine starke Abneigung verspürt hat – mit ihm trotzdem sympathisieren kann.

Doch nicht nur die Hauptcharaktere sind einsam: Shokos Schwester Yuzuru wirkt auf den ersten Blick fröhlich, ist in Wirklichkeit in großen Teilen des Films aber traurig. Vor dem Treffen mit Shoya hatte sie außer ihrer Schwester keine Freundinnen oder Freunde. Auch Tomohiro ist – bevor er Shoya trifft – sehr einsam. Er ist ein extrovertierter Mensch und war sehr lange einsam. Aus diesem Grund hat er sofort große Verlustängste, wenn andere Personen sich mit Shoya anfreunden.

Es ist unglaublich spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Personen im Film mit Einsamkeit umgehen. Gleichzeitig fühlt man sich beim Schauen auch sehr unwohl, da die psychischen Schmerzen der Charaktere sehr stark spürbar sind. Doch das ist nicht die einzige Stärke von „A Silent Voice“.

Keine Moralkeule und sehr viel Entwicklung

Das Thema „Mobbing“ ist sehr schwierig aufzuarbeiten. Größtenteils wird es in Filmen aus den Augen des Opfers beleuchtet, weshalb der Zuschauer die Geschichte nur aus einer Perspektive sieht: Es gibt ein klares „Gut und Böse“. In „A Silent Voice“ hingegen werden die Graustufen viel besser herausgearbeitet. Alle Charaktere – abgesehen von Shoko – zeigen neben ihren guten auch schlechte Seiten, wodurch sie sehr realistisch wirken. Man kann sich vorstellen, dass diese Personen wirklich existieren. Das trägt zur Glaubhaftigkeit der gesamten Handlung bei. Im Endeffekt versucht der Film zwar wirklich zu zeigen, dass „Mobbing“ schlecht ist, macht dies aber ohne das Thema nur von einer einzigen Seite zu beleuchten wie es US-Filme häufig tun.

Durch die fehlende Einordnung der Hauptcharaktere in die Schublade „guter Mensch“ oder „schlechter Mensch“, können die Beiden sich im Laufe der Handlung sehr gut weiterentwickeln. Besonders die Entwicklung von Shoya vom „Prügler“ über das „Opfer“ bis hin zum „Freund“ ist faszinierend und realistisch dargestellt. Er muss lernen, dass seine Ausweichstrategie falsch war. Wenn er wirklich wieder glücklich sein will, muss er mit anderen Personen reden, ihnen zuhören und sich mit ihnen beschäftigen. Erst dadurch kann er seine Vergangenheit hinter sich lassen und eventuell wieder ein normales Leben führen. Auch Shoko muss lernen, dass sie nicht Schuld daran ist, dass andere Menschen sie mobben und dass sie selbst ein Recht darauf hat, ein gutes Leben zu haben.

Die Nebencharaktere

Neben der Beziehung zwischen Shoko und Shoya steht besonders ihr Verhältnis zu den anderen Personen ihres Lebens im Vordergrund. Diese Charaktere unterscheiden sich stark voneinander. Die eher unsympathische, aggressive Naoka, der nette Tomohiro und die fürsorgliche Schwester Yuzuru sind dabei sicherlich die wichtigsten Personen. Sie alle haben unterschiedliche Geschichten, wodurch sie sich zu den Menschen entwickelt haben, die sie nun sind. Hieraus ergibt sich aber auch das größte Problem des Films: Die Nebencharaktere bekommen zu wenig Ausbau. Ich bin fasziniert von Miki und Naoka und frage mich, warum sie so gemein geworden sind. Der Film hat nicht genug Zeit, ihre Hintergrundgeschichten detailliert genug zu beleuchten (mir wurde gesagt, dass dies im Manga geschieht- da ich ihn nicht gelesen habe, kann ich jedoch nichts dazu sagen).

Die Gefühle von Yuzuru und Tomohiro werden noch mit am stärksten beleuchtet, doch größtenteils sieht man auch diese Charaktere nur in Beziehung zu Shoya oder Shoko. Es wäre interessant gewesen, die individuelle Entwicklung dieser Personen in den Vordergrund zu stellen, um ihr Verhalten gegenüber Shoko und Shoya besser zu verstehen.

Noch schlimmer erging es anderen Nebencharakteren. Mikis Freund Satoshi, sowie Shoyas Schulfreunde Kazuki und Keisuke tauchen im späteren Verlauf des Films zwar auf, haben aber keine Relevanz für die Geschichte. Insbesondere Satoshi wirkt fehl am Platz – das fällt besonders in der Brückenszene auf – und Kazuki und Keisuke, die als „Mobber“ sicherlich Relevanz für Shoyas weiteres Leben haben, werden überhaupt nicht in den Mittelpunkt gestellt.

Dies passiert sicherlich, weil der Film nicht den zeitlich unbegrenzten Rahmen des Manga hat und man deshalb bestimmte Szenen aus dem Drehbuch streichen musste. Insgesamt wirken die Nebencharaktere zwar interessant und man kann mit ihnen mitfühlen, ich hätte mir aber gewünscht, dass näher auf diese eingegangen wird.

Aufgrund der Zeitproblematik ist es für mich auch sehr schwierig, Shokos Entscheidung gegen Ende des Films zu verstehen. Für mich fehlte der Aufbau hin zu dem in ihr entstandenen Impuls, der in einer Serie mit längerer Spielzeit, beziehungsweise im Manga sicherlich einfacher ist.

Grandiose Technische Umsetzung

Abgesehen von diesen kleinen Kritikpunkten, macht „A Silent Voice“ alles richtig. Die Regisseurin und Autorin Naoko Yamada bewies schon durch ihre Arbeit bei „Clannad After Story“, dass sie emotionale Geschichten sehr dramatisch inszenieren kann. „A Silent Voice“ beweist, dass dies kein Zufall war. Wie von „Kyoto Animation“ zu erwarten war, sind die Animationen atemberaubend. Neben dem gelungenen Charakterdesign fallen besonders die sehr schön gezeichneten Hintergründe auf. Auch wenn man sich nicht auf das Hauptgeschehen konzentriert, kann man in ihnen immer wieder Kleinigkeiten entdecken, sodass man diesen Film sicherlich auch häufiger schauen kann. Der sehr schöne Soundtrack unterstützt die Animationen.

Stark positiv überrascht war ich auch von der deutschen Synchronisation. Insbesondere die Leistung von Jill Schulz (bekannt als Sonoko aus den Detektiv Conan Filmen und Knives Chau aus Scott Pilgrim) sollte hervorgehoben werden. Es ist sicherlich nicht einfach, sich in die Situation einer Gehörlosen hineinzuversetzen, die die gesprochene Sprache nicht mehr zur Kommunikation anwenden kann. Das ist meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Doch auch Nicolás Artajo (bekannt als deutsche Stimme von Jamie Bell und Michael Cera) überzeugt in beiden Rollen als Grund- und Oberschüler Shoya.

Neben wenigen Aussprachefehlern (die Aussprache des japanischen Gebäcks „Manjuu“ sowie des Hähnchengerichts „Karaage“), gab es nur eine Auffälligkeit in der Übersetzung: Auf einer Brücke möchte Shoko Shoya ihre Liebe gestehen, auf Japanisch „suki“. Da ihre Stimme nur sehr schwer verständlich ist, versteht Shoya das Wort „tsuki“ (Mond). Die Übersetzung hat versucht, diese Verwechslung über die Wörter „Love“ und „Mond“ zu lösen, was nur bedingt funktioniert. Eine andere Lösung (beispielsweise ein anderes Wort, das Shoya verstanden hat) hätte hier sicherlich besser gepasst.

Eine klare Empfehlung

Ohne die Manga-Vorlage zu kennen ist „A Silent Voice“ für mich ein sehr gut umgesetzter Film. Er schafft es, mich emotional zu berühren und zeitgleich über Mobbing, Selbstmord und andere Probleme nachdenken zu lassen, mit denen viele Jugendliche in ihrer Schulzeit in Kontakt kommen. Insbesondere lässt er mich aber auf Gedankenreise darüber gehen, wie man einsam wird und was man gegen diese Einsamkeit tun kann.

Trotz der kleinen Kritikpunkte hat mich „A Silent Voice“ besser unterhalten als jeder andere Anime-Film in den letzten drei Jahren. Ich wäre stark enttäuscht, wenn der Film nicht für den Oscar nominiert wird und hoffe, dass sehr viele Besucher ihren Weg ins Kino finden, damit wir auch weitere Animefilme im Kino sehen dürfen.

Ich empfehle „A Silent Voice“ jedem Fan von Animes der Genre Drama, Freundschaft und Romantik wie beispielsweise „Shigatsu wa Kimi no Uso“ oder „Anohana“ .

About Shin

Shin hat im Jahr 2016 sein Masterstudium in Soziologie abgeschlossen und arbeitet derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität. Anime mag Shin schon seit sehr vielen Jahren. Spätestens seit dem Besuch seiner ersten Convention - der Connichi 2003 - ist er fasziniert von der Welt der Anime. Seit August 2016 ist Shin festes Mitglied von Jimoku und kümmert sich zum größten Teil um das Schreiben von Reviews. Sein Lieblingsanime ist "Space Brothers".
Autor: Shin
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