Die Welt der Anime YouTuber Teil 2: Die Situation in Deutschland

Die Welt der Anime YouTuber Teil 2: Die Situation in Deutschland

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Nachdem ich euch in Teil 1 der Artikelserie dargestellt habe, warum YouTube für die heutige Anime-Community sehr wichtig ist und aufgezeigt habe, welche unterschiedlichen Kanäle im englischsprachigen Ausland existieren, möchte ich im zweiten Teil darstellen wie es in Deutschland aussieht. Zu Beginn werde ich euch die größten deutschen Kanäle vorstellen und schauen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur Anime-Community im Ausland bestehen.

Deutsche Animefans auf YouTube

Schaut man auf die YouTube-Suchstatistiken der letzten 5 Jahre kann man erkennen, dass der Suchbegriff „Anime“ in Deutschland immer wichtiger wurde. Durch Trends zeigt die Kurve zwar viele Schwankungen, insgesamt kann man aber einen Anstieg von im Durchschnitt mindestens 20 Punkten erkennen. Das bedeutet, dass es in Deutschland entweder immer mehr Animefans gibt, oder dass die bisherigen Fans YouTube noch aktiver als Recherche-Plattform nutzen.

Dabei ist es besonders interessant, das veränderte Interesse der deutschen YouTube-Fans zu beobachten. Waren in den ersten Jahren Anime Openings noch weitaus beliebter als Informationen zu Anime, suchten die User in den letzten Jahren genau diese Hinweise (Dabei sollte angemerkt werden, dass beim Suchbegriff „Top Anime“ auch „Top Anime Openings“ dabei sind. Aufgrund der vielen unterschiedlichen Suchbegriffe ist es aber schwierig, einen besseren Vergleichsbegriff zu finden). Hieraus würde ich schließen, dass die deutschen Nutzer im Anime-Segment nicht nur Musik hören wollen, sondern YouTube als Plattform zur Weiterbildung nutzen, um zum Beispiel neue, für sie interessante Anime zu finden.

Die Englischkenntnisse der Deutschen werden zwar immer besser, man sollte von den vielen jungen Animefans aber nicht erwarten, dass sie nur englische Inhalte konsumieren wollen oder gar können. Eine Statistik aus dem Jahr 2017 zeigt, dass die beliebtesten Videos auf YouTube Deutschland (abgesehen von Musikvideos) immer noch in deutscher Sprache sind.

Deshalb sollte man davon ausgehen, dass es ein großes Angebot von Anime-Kanälen in Deutschland geben muss, um den Wünschen der deutschen Fans zu entsprechen.

Die Schwergewichte

Der wohl größte deutsche Anime-YouTube-Kanal – abgesehen von Kanälen wie „LeFloid“ oder „ApplewarPictures“, bei denen Anime nicht das Hauptthema ist – ist „Kurono“. Spätestens seit einigen Kontroversen um seine Person hat er in der Anime-Community nicht nur Fans. Mit über 600.000 Abonnenten zeigt er aber, dass er für den Großteil der Community sehr relevant ist. Seine Videos können mit denen von „TheAnimeMan“ verglichen werden. Der Großteil seiner aktuellen Videos sind typische YouTube-Formate wie Pranks, Challenges und Ähnliches mit einem leichten Anime-Bezug (zum Beispiel: „COSPLAY FREUNDIN PRANK!“). Betrachtet man seine beliebtesten Videos, sieht man einen ähnlichen Trend wie bei „TheAnimeMan“: Leicht erotische Thumbnails, Toplisten und Videos über den Hentai- und Shotacon-Anime „Boku no Pico“ sind sehr beliebt. Ich selbst war etwas geschockt als ich gesehen habe, dass er Thumbnails verwendet, die man sogar pornographisch nennen kann. Hier stellt sich abermals die Frage, inwieweit YouTube wirklich eine jugendfreundliche Plattform ist. Zusätzlich gibt es leider einige Kontroversen um seine Person (beispielsweise um den Song „Baka-Bitch“).

Ein weiterer großer deutscher Anime-Kanal ist „Thien Nguyen“. Er hat knapp 430.000 Abonnenten und produziert ähnliche Videos wie Kurono. Er nimmt bekannte YouTube-Formate (in letzter Zeit insbesondere Reaction-Videos) und verknüpft sie mit Anime-Content. Dabei ist auffällig, dass er in letzter Zeit eher wenige Videos über Anime macht und dass diese auch wenig Klicks generieren (zwischen 30.000 und 50.000). Seine erfolgreichsten Anime-Videos sind größtenteils auch Toplisten mit auffälligen Thumbnails und Titeln. Für fachkundige Animefans sind diese Videos eher langweilig, da man keinerlei neue Informationen erhält. Vor einiger Zeit hat er Livestreams durchgeführt und in diesen illegal Anime gestreamt. Dies wirft leider ein sehr schlechtes Licht auf unsere Community, weshalb ich hier dafür plädiere diesen Kanal nicht weiter zu unterstützen.

Beide Kanäle sind so erfolgreich, da sie Content produzieren, den nicht nur Anime-Fans schauen können und wollen. „Die schlimmsten Anime Szenen der Welt“ oder „Top 8 SEXY ANIME GIRLS“ sind Videotitel, die eine große Masse an Personen ansprechen können. Dabei ist auch wichtig, dass die Videos alle relativ kurz sind, da Anime-Neulinge sich von langen Analysen eher abschrecken lassen würden. In den Videos selbst steht – wie bei den erfolgreichen amerikanischen Kanälen – der Humor im Vordergrund. Die Kanäle versuchen ihre Zuschauer zum Lachen zu bringen und tun dies mit Anime-Inhalten. Leider unterstützen sie dabei auch stets das Vorurteil, dass Anime nur „Zeichentrick-Pornos“ sind und verbreiten das Medium genauso stark, wie sie seinem Ruf weiter schaden.

NinotakuTV – Der Mittelpunkt der Anime-Szene

Als Anime-Fan möchte man aber sicherlich auch tiefergehenden Content konsumieren. Der wohl größte Kanal, der explizit Anime-Fans anspricht ist „NinotakuTV“. Nino ist sicherlich einer der ersten Anime-Content-Produzenten in Deutschland. Schon für die Zeitschrift Gamepro erschien die Videoreihe „Akibatteru“. Im Rahmen des YouTube-Kanals „High 5“ konnte man relativ schnell merken, dass User sich einen Informationskanal zum Thema Anime wünschen, woraufhin „NinotakuTV“ entstand. Einmal die Woche erscheint auf dem Kanal mit gut 350.000 Abonnenten ein Video mit den neuesten News zur Anime-Szene. Die Videos seines Kanals sind größtenteils an Anime-Neulinge gerichtet. Er stellt zwar häufiger auch Serien vor, Reviews oder Analysen für Anime-Nerds findet man hier aber nicht. Vielmehr möchte dieser Kanal den deutschen Fans darstellen, wie groß die Welt der Anime wirklich ist.

Seit einiger Zeit arbeitet der Kanal sogar mit Publishern zusammen und bietet Usern somit exklusive Previews oder besondere Gewinnspiele. Ein Grund hierfür ist sicherlich, dass „NinotakuTV“ der größte Anime-YouTube-Kanal ist, der versucht das Thema professionell und seriös zu bearbeiten. Dadurch, dass hinter dem Kanal mit der „Webedia GmbH“ eine professionelle Firma steht, hat er selbstverständlich mehr Möglichkeiten als Personen, die einen Kanal alleine führen.

Neben Top10-Videos hat „NinotakuTV“ aber auch einige Videos produziert, die sich tiefgründig mit dem Thema „Anime“ auseinandersetzen. Der relativ große Erfolg (im Vergleich mit den üblichen Klickzahlen) des Videos „Die traurige Wahrheit über ANIME-PRODUKTIONEN“ zeigt, dass auch die deutsche Community ein Interesse an dieser Art von Videos hat, weshalb auch andere Videoreihen wie „100 Jahre Anime“ produziert wurden, die aber – gemessen an den Klickzahlen – etwas weniger erfolgreich waren.

Einheitsbrei

Abgesehen von diesen „Big 3“ existieren natürlich viele weitere deutsche Kanäle. Auffällig ist, dass die Videos der Meisten vom Content her dem von „Kurono“ oder „ThienNguyen“ sehr stark ähneln. Es werden viele Top10-Videos erstellt und Anime wird eher humoristisch behandelt, sodass auch Anime-Neulinge diese Videos ohne Probleme schauen können. Beispiele hierfür sind Tadeus , Sheik, Annima, YatogamiTV und Sabrina Secretive. Es existieren im Vergleich mit Amerika also auch in Deutschland sehr viele Anime-Kanäle, die Videos ähneln sich aber alle stark. Für Neueinsteiger ist das sicherlich positiv, wirkliche Anime-Fans wollen sich aber nicht zum fünften Mal eine „Top 10 Horror-Anime“ Liste ansehen.

Natürlich gibt es in Deutschland auch einige wenige Kanäle mit anderen Videos, diese sind aber sehr selten. Hier werden zwar Analysevideos angeboten, diese betrachten aber meistens nur die bekannten Shounen-Anime (so etwa Bleach, Naruto, One Piece oder Dragonball). Beispiele hierfür sind Monkey D. EnesRaafey, AniMeep und teilweise auch Ayesam, der aber auch Songs zu diesen Themen produziert. Doch nicht alle dieser Kanäle funktionieren gut. Videos über Detektiv Conan sind nicht so erfolgreich wie die über die beliebten Shounen-Anime wie der Kanal Dong zeigt.

Einfache Erfolgsrezepte

Es ist natürlich einfach als Anime-Fan diese Kanäle zu kritisieren. Es gibt so viele interessante und spannende Anime, trotzdem können sich Fans der Serien nur sehr selten auf YouTube über diese informieren. Auch Neulinge, die ihre nächste Serie suchen, werden größtenteils auf ähnliche Anime kommen, weil der Großteil der Videos sich mit den gleichen, wenigen Inhalten beschäftigt. Schaut man hingegen nur Top10-Videos ist es sehr schwierig wirklich zu wissen, welche Serie man schauen sollte, da diese abgesehen von wenigen Sätzen kaum neue Informationen enthalten.

Die Gründe hierfür sind natürlich sehr einfach. Betrachtet man (wie bereits an anderen Stellen getan) die erfolgreichsten Videos der Kanäle kann man sehr schnell einen Trend sehen: Videos über Nischenserien generieren eher wenige Klickzahlen, wenn aber „Sword Art Online“, „Naruto“ oder „Dragonball“ besprochen wird, bekommt man viel mehr Zuschauer. Vergleicht man beispielsweise das Interesse an „Dragonball“ und „My Hero Academia“ erkennt man, dass sogar die erfolgreichsten neuen Anime nur sehr schwer mit den „Alltime-Classics“ mithalten können, jedenfalls langfristig. Da ein YouTube-Kanal natürlich erfolgreich sein will, sollte man daher Videos über diese Themen machen, da die Inhalte auf diese Weise viel einfacher vom Zuschauer gefunden werden.

Schaut man auf den Kanal „NinotakuTV“ kann man außerdem sehr gut sehen, wie wichtig es ist, regelmäßig Videos hochzuladen. Das Newsformat dieses Kanals erscheint grundsätzlich einmal die Woche am gleichen Tag, wodurch Zuschauer – wie beim Fernsehprogramm – genau wissen, wann sie einschalten müssen. Diese Regelmäßigkeit ist mit Analysen natürlich nur sehr schwer zu erreichen, da gut recherchierte Videos sehr viel Zeit benötigen.

Tiefgründige Analysen Fehlanzeige?

Das führt dazu, dass es nur sehr wenige Kanäle gibt, die sich wirklich tiefgründig und gut recherchiert mit Anime auseinandersetzen. Es ist schwierig, regelmäßig aufwändige Videos zu erstellen, weshalb es auch ebenso kompliziert ist, mit dieser Art von Inhalten erfolgreich zu werden. Dies ist für Personen, die viele Anime konsumieren und sich über diese informieren wollen sicherlich ein Problem. Ich schaue mir gerne auch einmal ein Video über „Bleach“ oder „Naruto“ an, hätte aber genauso gerne auch eine Analyse zu den Perlen aus der neuesten Season oder zu eher unterbewerteten Klassikern.

In Deutschland konnte ich eher wenige aktive Kanäle entdecken, die versuchen auch diese Art von Content zu liefern. DoktorAnimus macht in letzter Zeit eher selten Videos, veröffentlicht aber immerhin zu jeder Anime Season einen Podcast, Kamula macht zwar eher relativ kurze Analysen, sollte mit knapp 50.000 Abonnenten aber der größte deutsche Kanal sein, der diese Art von Videos macht. Andere Kanäle wie Kirino versuchen sich zwar manchmal an Analysen beziehungsweise Videos über übergreifende Themen, laden aber auch Videos zu anderen Themen hoch, weshalb man als Zuschauer nicht weiß, welche Videos man erwarten kann. So sprechen diese Produzenten keine wirkliche Zielgruppe an.

Nur wenige Kanäle versuchen wirklich tiefgründige Analysevideos abseits von Analysen der großen, beliebten Titel zu erstellen und sind dann nicht besonders erfolgreich. BakaCritic hat zwar nur etwas über 2.000 Abonnenten, sein Video über „Captain Tsubasa“ und „Kickers“ zeigt aber, dass auch lange, tiefgründige Analysen erfolgreich sein können. Leider ist auch dieser Kanal eher inaktiv, weshalb es schwierig ist, eine Fanbase aufzubauen. Andere Analyse-Kanäle wie picti mundi oder SteTV stehen irgendwo zwischen 300 und 1.500 Abonnenten und erreichen somit ein nur sehr kleines Publikum.

Zu wenig Content für mich, der mich auch erreicht!

Meine zwei YouTube-Artikel sollten euch darstellen, welche Arten von Inhalten zum Thema Anime existieren und insbesondere wie die deutsche Anime-YouTube-Szene aussieht. Hierbei wollte ich zeigen, dass es im englischsprachigen Ausland sehr viele unterschiedliche Kanäle gibt, weshalb jede Art von Fan die Möglichkeit hat, YouTube-Videos über Anime zu konsumieren. In Deutschland sieht es etwas anders aus. Es gibt sehr viele Videos für Anime-Neulinge oder Kanäle, die bekannte Comedy-YouTube-Konzepte mit Anime-Inhalten umsetzen (und somit eher auch Nicht-Fans ansprechen). Wirkliche Analysevideos findet man aber selten, auch wenn sie existieren, da die wenigen existenten Kanäle keine große Reichweite haben und relativ selten Videos hochladen.

Gründe hierfür sind, dass es sehr schwierig ist mit diesem Konzept Erfolg zu haben, aber auch die natürlich sehr begrenzte Zielgruppe, die man in Deutschland mit dieser Art von Videos hat. Das Phänomen Anime wächst durch große Erfolge wie „Your Name“ zwar immer mehr, trotzdem ist es im Gegensatz zu anderen YouTube-Genres immer noch eine Nische. Ich selbst würde mir wünschen, dass es mehr dieser Analysevideos geben würde, da ich diese gerne anschaue. Ich konsumiere sehr viele YouTube-Kanäle, die englische Videos hochladen, aber nur sehr wenige deutsche Vertreter aus diesem Grund.

Ich hoffe, dass sich dies in den kommenden Jahren ändert. Auch in Deutschland wird Anime immer wichtiger, weshalb nun eine Generation von Animefans heranwächst, die mehr als die „Big 3“ kennt. Hierfür waren Kanäle wie „NinotakuTV“ oder „Kurono“ auch sehr wichtig. Es gibt zwar einige Kanäle, die versuchen „Analyse-Videos“ auch in Deutschland zu erstellen, diese sind bisher aber noch nicht besonders erfolgreich. Einen Großteil dieser Kanäle konnte ich nicht einmal durch meine Recherche finden. Nur Tipps auf Twitter haben mir gezeigt, dass es schon einige YouTuber gibt, die versuchen dies umzusetzen. Bisher erscheinen die Videos dieser Kanäle aber eher unregelmäßig; ein weiterer Grund, warum der Erfolg ausbleibt. Ich kann mir vorstellen, dass sich in den kommenden Jahren auch in Deutschland ein bis zwei Kanäle durchsetzen können, wenn sie es schaffen, durch ein besonderes Video Bekanntheit zu erreichen.

Meine persönlichen Tipps für euch sind die folgenden deutschen Kanäle, die auch schon teilweise erwähnt wurden:

Flimmerspieler
BakaCritic
picti mundi
SteTV
Wirkstoff2D
Anime Slam

Wenn Ihr Interesse an dem Thema habt, könnt ihr uns gerne hier oder auf Facebook einen Kommentar hinterlassen. Da ich sicherlich nicht die komplette YouTube-Landschaft abdecken konnte, würde ich mich auch über Tipps freuen!

About Shin

Shin hat im Jahr 2016 sein Masterstudium in Soziologie abgeschlossen und arbeitet derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität. Anime mag Shin schon seit sehr vielen Jahren. Spätestens seit dem Besuch seiner ersten Convention - der Connichi 2003 - ist er fasziniert von der Welt der Anime. Seit August 2016 ist Shin festes Mitglied von Jimoku und kümmert sich zum größten Teil um das Schreiben von Reviews. Sein Lieblingsanime ist "Space Brothers".
Shin

Kommentare (1)

  1. Paufi sagt:

    Sehr sehr sehr genialer Artikel und danke schön meine Abobox ist wieder etwas voller mit Anime YouTubeern geworden, nachdem nur Nino drin war 😀

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