Interview mit Mitsuo Iso – Connichi 2017

Interview mit Mitsuo Iso – Connichi 2017

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Mitsuo Iso arbeitete als Animator schon für viele verschiedene Anime. Er durfte beispielsweise bei „Neon Genesis Evangelion“, „Ghost in the Shell“ „Kill Bill“ und „Porco Rosso“ mitarbeiten. Im Jahr 2007 schrieb er für den Anime „Dennō Coil“ selbst das Drehbuch und führte sogar Regie.

Auf der Connichi 2017 konnten unsere Redakteure Tsu und Shin ein Interview mit ihm führen, welches ihr im Folgenden nachlesen könnt.

Interview 

Shin: Iso-Sensei, wir freuen uns, dass Sie sich Zeit für dieses Interview mit uns genommen haben. Da Sie schon bei vielen bekannten Animeproduktionen mitgearbeitet haben, wie beispielsweise „Ghost in the Shell“ und „Neon Genesis Evangelion“, denken wir, dass Sie zu den einflussreichsten Animateuren unserer Zeit gehören und möchten uns schon einmal im Vorfeld bei Ihnen bedanken. Unsere erste Interviewfrage lautet: Wann sind Sie angereist und konnten Sie sich schon etwas in Kassel ansehen? Und wenn ja, was?

Mitsuo Iso: Ich bin seit dem 21. September in Deutschland und bin zum Herkules Denkmal gegangen, aber es war leider schon geschlossen. Deswegen konnte ich es nur aus der Entfernung sehen.

Shin: Wir finden es sehr interessant, dass Sie nicht nur für japanische Studios gearbeitet haben, sondern beispielsweise auch für Hollywood-Filme wie „Kill Bill“ oder derzeit mit dem französischen Studio Yapiko zusammenarbeiten. Können Sie uns einige Unterschiede in der Zusammenarbeit mit den Studios unterschiedlicher Länder nennen?

Mitsuo Iso: Es gibt sogar für jedes einzelne Werk innerhalb von Japan schon Unterschiede in der Produktion. Man wendet eine bestimmte Technik oder Art zu arbeiten an, dann ist das Projekt beendet und dann muss man für das folgende, neue Projekt auch eine neue Art zu arbeiten für sich erfinden. Dies ergibt sich nicht erst daraus, dass es ein Studio eines anderen Landes ist, sondern durch die Unterschiedlichkeit der Projekte. Ich glaube jedoch, dass die Herangehensweise an das Produzieren des Animes selbst sich in den jeweiligen Ländern unterscheidet. Die französischen und amerikanischen Produktionen sind beispielsweise sehr stark auf Produktivität aus. Und bei den japanischen Produktionen habe ich mehr den Eindruck, dass man immer wieder schwankt zwischen Ideen, dass man zweifelt oder sich gar etwas Neues überlegt. Hier habe ich den Eindruck, dass ein deutlicher Unterschied vorliegt. Was ich am heutigen Tag schon mehrmals festgestellt und erwähnt habe ist, dass unsere japanischen Produktionen im Ausland viel mehr und bewusster konsumiert werden. Im Ausland lässt man unsere Produktionen auch wirklich „japanisch“ sein- der japanische Stil darf hier wirklich zur Geltung kommen. Wenn dies weiterhin gefördert wird, dann glaube ich auch, dass es noch viel mehr Kooperationen mit dem Ausland geben wird.

Shin: Arbeiten Sie gerne in Kooperation mit dem Ausland und auch mit anderen Animateuren zusammen?

Mitsuo Iso: Es ist von Werk zu Werk und von Arbeitssituation zu Situation etwas unterschiedlich, aber es macht mir viel Spaß mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern zu arbeiten. Bisher war es so, dass wenn man als japanischer Animateur mit dem Ausland zusammengearbeitet hat, es darauf hinauslief, dass man sich dem ausländischen Stil und der Arbeitsweise vor Ort angepasst hat. In so einem Fall fällt es einem als Japaner etwas schwerer, die Umstände als angenehm zu empfinden. Allerdings ist es mittlerweile so, dass die ausländischen Produzenten mit den japanischen Animes aufgewachsen sind und genau dies wollen: Die Zusammenarbeit basiert in solchen Fällen darauf, dass die japanische Arbeitsweise beibehalten bleibt. Wenn dies weiterhin gefördert wird, macht es mit Sicherheit viel mehr Freude zusammenzuarbeiten.

Shin: Das wäre eine wirklich erfreuliche Entwicklung! Da wir gerade schon von ihrer Arbeit mit dem französischen Studio sprachen- Wie laufen die Arbeiten an ihrem aktuellen Projekt „Les Pirates de la Reunion“?

Mitsuo Iso: Das Projekt „Reunion“ geht momentan eher langsam voran, zeitgleich haben wir aber an einem anderen japanischen Projekt gearbeitet, welches ein bisschen schneller voranschreitet als das Französische. Wir erwarten daher, dass dieses eher zum Abschluss kommen wird. Ich würde im Anschluss gerne die Arbeit mit dem Ausland weiter fördern und vermehren. Dies gilt sowohl dafür, dass ausländische Animateure nach Japan kommen und bei uns Arbeit finden, als auch dass Japaner ins Ausland gehen und dort animieren. Beide Szenarien sind in diesem Fall von Nutzen. Gleichzeitig muss jedoch erwähnt werden, dass die Produktion in Japan einfach schneller erfolgen kann als jetzt beispielsweise in Frankreich. Nichts desto trotz betrachte ich die alleinige Zusammenarbeit natürlich als einen großen Fortschritt.

Shin: Würden Sie uns verraten, worum es in „Les Pirates de la Reunion“ gehen wird?

Mitsuo Iso: Das Hauptthema des Films soll nicht eine „entspannte Welt“ sein, sondern die Abenteuerlust in den Zuschauern wecken. Man soll sich an die Zeit erinnert fühlen, als man noch jung war, wirklich rausgegangen ist und etwas erlebt hat. Man soll die Aufgeregtheit dieser Zeit und weitere Gefühle beim Schauen des Films in sich wiederfinden. Zur Zeit machen es viele japanische Animes zum Thema, möglichst entspannt und ruhig zu sein, deswegen soll dieses gefährliche, abenteuerliche meiner Meinung nach wieder mehr zur Geltung kommen. In „Les Pirates de la Reunion“ geht es wirklich um Abenteuer, darum, den Nervenkitzel zu spüren und den Zuschauern einen Anreiz zu geben.

Shin: Das erinnert mich jetzt ein wenig an den aktuellen Anime „Made in Abyss“, der auch Abenteuerlust versprüht!

Mitsuo Iso: Ja, diesen Anime habe ich auch gesehen!

Shin: Ich hätte da noch eine Frage zu ihren älteren Arbeiten- Bei Neon Genesis Evangelion wurde das Skript erst im Laufe der Serie geschrieben. Hat sich dadurch die Arbeit für Sie als Keyanimator verändert?

Mitsuo Iso: Bei Evangelion war es das allererste Mal für mich, dass ich das Drehbuch übernommen habe. Natürlich hatte ich am Anfang meine Zweifel, ob es so gut sei, gleichzeitig zu Schreiben und zu Zeichnen. Aber ich habe auch gemerkt, dass ich die Techniken, die ich beim Zeichnen und Malen angewandt habe auch im Drehbuch umsetzen kann. Wie das im Detail funktioniert, wäre etwas zu komplex, um es zu erklären, aber ich habe diese Methodik für mich entdeckt. Wenn ich mir jetzt also eine Bewegung überlege und sie herstelle, kann ich diese Überlegung mit allen Schritten auch im Drehbuch anwenden und sie gleichzeitig auch aufschreiben (wie bewegt sich die Handlung, wie bewegen sich die Personen, etc. …). Ich glaube, dass ich dadurch, dass ich gleichzeitig Schreiben und Zeichnen durfte, ich etwas anderes erzeugen konnte, als jemand, der nur eins davon übernommen hat.

Shin: Jetzt möchte ich noch Bezug auf ihr schönes T-Shirt mit dem Hund „Densuke-kun“ darauf nehmen! Sie haben für „Dennou Coil“ das Drehbuch geschrieben, gleichzeitig Regie geführt und den Anime fast komplett alleine erschaffen. Er hat auch sehr gute Kritiken bekommen. Könnten Sie sich vorstellen, so etwas noch einmal zu machen?

Mitsuo Iso: Ich bin ja leider nicht mehr der Jüngste, deshalb wird es relativ anstrengend, alles alleine und gleichzeitig zu erledigen, wie ich es bei „Dennou Coil“ damals gemacht habe. Aber es gibt sehr viele hochbegabte Animatoren in Japan und damals habe ich, obwohl sie schon so gute Arbeit abgeliefert haben dann noch trotzdem an vielen Stellen herumkorrigiert, was beinahe schon unnötig war. Ich empfinde es heute als sehr schade, dass ich das damals gemacht habe. Daraus habe ich aber gelernt, dass ich das Potential, welches in Japan steckt weiter nutzen möchte und mich mehr für Zusammenarbeit einsetzen möchte. Ich kann mir auf jeden Fall vorstellen, dass ich wieder ein großes Projekt übernehmen werde, wobei ich aber, glaube ich, die Keyframes nicht selbst übernehmen würde. Wobei ich mir sicher bin, dass ich meine Finger da nicht komplett rauslassen kann…

Shin: Aufgrund eines interessanten Gerüchts möchte ich gerne einmal genauer nachhaken- Haben Sie wirklich bei dem Cowboy Bebop Film „Knockin‘ on Heavens door“ mitgearbeitet?

Mitsuo Iso: Nun, da die Arbeit an diesem Film bereits einige Jahre zurückliegt, kann ich es ja sagen: Ja, ich habe daran mitgearbeitet. Allerdings habe ich zum einen bei den Dreharbeiten mitgemacht und zum anderen beim Key of Animation. Dadurch entstand bei den Credits die Frage, wo ich erscheinen soll, denn ich konnte nicht als jemand, der die Keyanimation vornimmt, gleichzeitig bei den Dreharbeiten auftauchen. Fakt ist, dass ich an beidem ein bisschen mitgearbeitet habe, zum Beispiel bei der Szene mit dem Schmetterlingsschwarm. Tatsächlich sind dies Dreharbeiten gewesen- der einzelne Schmetterling wurde von Hand gemalt und dann als Dreharbeit umgesetzt. Ich muss dazu sagen, dass wir bei diesen Szenen ja nirgendwo meinen Namen dazu veröffentlichen. Jedoch gibt es immer jemanden aus dem Ausland, der diese bei Youtube analysiert und mir zuschreibt. Manchmal liegen diese Videoersteller jedoch auch daneben! (lacht)

Shin: Ganz zum Schluss noch- Sie haben 2006 ein Interview gegeben, in welchem Sie sagten, dass sie denken, dass die digitale, aber per Hand gezeichnete Animation die Zukunft der Anime ist. Arbeiten Sie immer noch bevorzugt auf diese Weise und wie sehen Sie die neusten Entwicklungen in der 3D-Technologie?

Mitsuo Iso: Ich kann mich an das konkrete Interview tatsächlich nicht mehr erinnern, aber ich bin überrascht, denn ich denke wirklich immer noch genauso. Die Computergrafik und das von Hand zeichnen sollten schon zusammenarbeiten, da es manchmal einfach Szenen gibt, die mit dem Computer nur sehr schwer nachzuzeichnen sind- mit der Hand hingegen hat man das in fünf Minuten erledigt. Ein Problem ist jedoch, dass die japanischen Animateure immer älter werden und es fraglich ist, ob die Animebranche wirklich so erhalten bleiben kann wie sie jetzt ist. Ich bin ein wirklich großer Verfechter von maschineller Verarbeitung und der Einbindung von unterstützender Technik. Dies bedeutet schließlich nicht, dass wir irgendwann keine von Hand gezeichneten Animationen mehr haben werden und diese aussterben, sondern im Gegenteil- Japan sollte darauf hinarbeiten, dass hier die Fusion stattfindet. Problematisch ist derzeit nur, dass die Technik teilweise auch noch nicht so weit ist. Um noch ein letztes, konkretes Beispiel hinzuzufügen: Das Überwachungsprogramm Sacchi aus „Dennou Coil“ folgt genau diesem Prinzip. Es ist eine Computergrafik, die aber genauso einfach von Hand gezeichnet produzierbar ist.

Shin: Wir bedanken uns bei Ihnen für ihre sehr detaillierten Antworten, Iso-Sensei!

Das Jimoku-Team bedankt sich auch bei Herrn Isos Manager Iwase-san und der Dolmetscherin Jasmin Dose.

About Shin

Shin hat im Jahr 2016 sein Masterstudium in Soziologie abgeschlossen und arbeitet derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität. Anime mag Shin schon seit sehr vielen Jahren. Spätestens seit dem Besuch seiner ersten Convention - der Connichi 2003 - ist er fasziniert von der Welt der Anime. Seit August 2016 ist Shin festes Mitglied von Jimoku und kümmert sich zum größten Teil um das Schreiben von Reviews. Sein Lieblingsanime ist "Space Brothers".
Autor: Shin
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